Baracken bzw. Behelfsheime in und um Linde - Ein Stück Linder Nachkriegsgeschichte

 Erinnerungen von Franz Rogosz (unter Mitwirkung von Wolfgang Quabach)

 

Als wir 1946 nach Linde eingewiesen wurden, hatte Linde im Vergleich zu heute ein ganz anderes Aussehen. Wir waren Ausgewiesene aus Schlesien und wurden im Ortsbereich den Bewohnern einfach zugewiesen (aufgezwungen). Dazu muss noch festgestellt werden, dass Linde durch die erzwungene Einweisung von vielen Bombenflüchtlingen sowieso schon bis an die Grenze des Erträglichen belastet war. Es waren viele Baracken zur Unterbringung der Fliegergeschädigten aufgestellt worden.

 

Ich versuche die Standorte der Baracken nach der Erinnerung zu beschreiben.
Da meine Familie in Quabach Unterschlupf gefunden hat, fange ich auch mit dieser Ortschaft an.

 

In Quabach waren 3 Baracken aufgestellt worden, bezogen von den Familien Eberhard, Daube und einem älteren Ehepaar dessen Name ich nicht mehr weiß, da dieses sehr früh wieder ausgezogen ist. In Quabach war auch der Betrieb der Druckerei Korn ansässig. Bis in die dreissiger Jahre betrieben die Brüder Wilhelm und Ernst Röttger ein Sägewerk und eine Böttcherei zur Herstellung von Fässern und Bütten. Hier wurde gelegentlich noch gearbeitet. In dieser Zeit war in Quabach noch eine Knochenmühle in Betrieb, die Knochenmehl zur Düngung der Felder produzierte.

 

In Siebensiefen waren 3 Behelfsunterkünfte erstellt worden, bewohnt von den Familien Hermann Kremer, Lieske und einem älteren Ehepaar, Butzner. In dem Fachwerkhaus wohnte Frau Katharina Müller und die Familie Adolf Höller, das Ehepaar war lange Jahre beim Großbauer Müller, Scheurenhof, in Diensten.
Unterhalb des Hauses in Siebensiefen war und ist ein Stauweiher. Die gestaute Wasserkraft wurde zum Betreiben eines Sägewerkes genutzt, gleichzeitig wurde mit der Wasserkraft auch eine Turbinenanlage zur Stromerzeugung betrieben. Es war erstaunlich, dass zu dieser Zeit die Ortschaften Siebensiefen und Scheurenhof eine eigene Stromversorgung (Gleichstrom) hatten. Der Leiter dieser Anlage war Herr Leo Kremer. Aus Scheurenhof sind keine Standorte von Behelfsheimen bekannt.

 

Der Bahnhof Linde war zu jener Zeit nicht in Betrieb, da die Strecke Rösrath – Lindlar kriegsbedingt außer Betrieb war. Das Bahnhofsgelände wurde von den Familien Wilhelm und Josef Schwirten genutzt. Sie betrieben im Rückraum des Bahnhofes eine Schreiner- und Elektrowerkstatt. Am Bahnhof, auf dem Gelände des alten Kalksteinbruches, waren mehrere Baracken aufgestellt, die noch betrieblich genutzt wurden. Einer der Betriebe war die Firma Jagrahaus die ursprünglich Fallschirme fertigte. Landläufig bekannt war dieser Betrieb durch die Produktion des Taschenschirms „Kobold“ der sehr beliebt war.

 

Eine weitere Firma war „Josef Orth“, ein ehemaliger Rüstungsbetrieb der Dichtungen für Benzinkanister herstellte. Aus diesem Betrieb entwickelte sich die Firma Hermann Köth GmbH die PVC–Profile, Bänder und Schläuche fertigte. Diese war nach der Währungsreform gut beschäftigt und baute ihre Position entsprechend aus. Hier fanden bis Anfang der sechziger Jahre ca. 65 Personen Arbeit. Ab Mitte der sechziger änderte sich der Name in Kunststoff KG Linde – Bergischer Formenbau; Sie produziert heute noch.

 

Zunächst die Behelfsheime der Familien Braun und Litgen rechts der Straße (vom Bahnhof aus). Vor dem Behelfsheim Braun stand eine Großgarage für LKW. Josef Braun hatte einen Militär LKW. Auf der linken Seite standen 2 Baracken, die von Familie Plotz genutzt wurden. Dahinter kam der Rohbau der Familie Agathe Quabach, die Bauruine Becker und ein Behelfsheim der Adeligen Frau von Sotti. Weiter links und rechts des Weges kamen zwei Wohnungen der Familie Gau. Von hier aus betrieb der Spediteur Janny Schmidhuber sein Fuhrunternehmen mit einem LKW mit Holzvergaser.

 

Weiter auf der Straße in Richtung Linde waren 3 Baracken. In der Mittleren hatte Hermann Förster einen Kramladen eingerichtet, dahinter war die Behausung Peter Soffa. Weiter rechts etwas abseits der Straße standen weitere 3 Baracken, die von der Familie Josef Ossendorf, die von Fritz Heidenreich und eine Baracke die von einer, mir unbekannten Gemeinschaft, bewohnt wurde. Auf der gleichen Straße in Richtung Lindlar standen nochmals 3 Behelfsunterkünfte. Hier war die bekannte Kölner Firma Maria Farina untergebracht. Sie stellte Desinfektionsmittel und Salben für das Heer zusammen.

 

Gegenüber auf der anderen Straßenseite hatte ein Herr Möninghoff einen Brutapparat aufgestellt und betrieb einen Handel mit Eintags-Küken. Am Ortsausgang standen noch zwei Baracken. Eine davon wurde von Familie Lösch bewohnt. Zur Situation während der Kriegszeit sei erwähnt, dass in Quabach auf der Gemarkung „Am Remels“ und im Wald bei Kemmerich im Krieg jeweils ein amerikanisches Flugzeug abgestürzt ist. Die Besatzungen überlebten nicht. Am Eingang der Ortschaft Merlenbach gab es noch 2 Unterkünfte. Diese wurden von der Familie Radeyski bewohnt. Die schulpflichtigen Kinder mussten nach Linde zum Unterricht. Diese Baracken stehen heute noch.

 

 

Im Ortsbereich Linde waren ebenfalls viele Baracken verteilt. Die Baracke gegenüber dem Lebensmittelgeschäft Quabach wurde von der Familie Heinz Deutz bewohnt. Eine weitere war hinter dem Haus von Sattlermeister Josef Kraus. Im Tünkellüh, das war die kürzeste Fußwegverbindung zwischen Kotten und Linde, standen ebenfalls noch 2 Behelfsheime. 3 weitere hatte man am Weg nach Müllersommer aufgestellt. In Müllersommer wurde von der Familie Brochhaus eine große Bäckerei und ein Mühlenbetrieb unterhalten. Eine weitere Unterkunft stand in Kotten auf der Weide von Landwirt Josef Winterschladen.

 

  

 

 

 

 

In Unterommer, auf dem Weg nach Schlürscheid „Im Dreiort“ waren nochmals 6 Baracken zu finden. Am Fußpfad „Im Lötzelüh“, der Schlürscheid und Linde verband, und der die Strecke wesentlich abkürzte waren noch 3 weitere Baracken aufgestellt worden. Sonst sind mir hier nur noch 3 Behelfsunterkünfte in Kaltenborn bekannt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem Weg von Linde nach Kaufmannsommer sind mir auch noch 3 Baracken oberhalb der Ortslage Rölenommer in Erinnerung.

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Orts- und Pfarrgemeinde Linde bestand aus einer Vielzahl von kleinen landwirtschaftlichen Betrieben, die von der Milch- und Weidewirtschaft lebten. Die Landwirte füllten die gewonnene Milch in größere Milchkannen und stellten diese zum Abholen bereit. Die 3 Bauern Bruno Jansen, Josef Krämer und Albert Neu fuhren jeden Morgen mit Pferd und Wagen die Gehöfte ab, sammelten die Kannen ein, brachten diese nach Hommerich zur Molkerei und im weiteren Verlauf des Tages geleert wieder nach Hause.

 

In der Ortsgemeinde Linde gab es derzeit 6 Gaststätten.

 

Gasthaus „Zur Post“ (Burger)
Gasthaus „Lindenhof“ (Müller Hermann)
Gasthaus „Zum Jägerhof“ (Raffelsiefen)
Gasthaus „Zur Schmiede“ (Pohl) später Förster
Gaststätte Lurz
Gaststätte „Försterhaus“ in Bruch (Hermann Förster)

 

Wie man sieht, lebte hier ein recht durstiges Volk. Auch dem Handel war man nicht abgeneigt. Es gab folgende Geschäfte: 8 Lebensmittelläden, 3 Bäckereien, 1 Brotwarenverkauf, 1 Fleischwarenverkauf und 1 Haushaltgerätehandlung.

 

Sybilla Quabach, Lebensmittel
Hermann Müller, Lebensmittel
Johann Burger, Lebensmittel
Wilhelm Lurz, Lebensmittel
Wilhelm Häger, Lebensmittel
Maria Koch in Unterommer, Lebensmittel
Geschwister Reudenbach in der Burg Oberbreidenbach, Lebensmittel
Ernst Köster, Brotwaren
August Förster, Haushaltgeräte
Alfons Jansen, Bäckerei
Josef Hoffstadt, Bäckerei
Clemens Brochhaus, Bäckerei
Feldhoff, Metzgerei (samstags im Haus Heinen)

 

Heute gibt es in Linde leider kein Geschäft mehr, aber noch eine Gaststätte.

 

Die Ortschaft Linde wuchs in den 20er Jahren durch die vielen Kreishäuser. Damit wurde eine erweiterte Trinkwasserversorgung aktuell. Eine ergiebige Quelle wurde in Kemmerich, unterhalb des Ortes auf der Weide, gefunden. Das abgeleitete Wasser konnte Bruch gut versorgen. Für die Weiterleitung musste am Berg nach Linde eine Zwischenpumpstation eingerichtet werden. Das Wasser konnte damit bis in den Hochbehälter oberhalb des Steinbruchs gepumpt werden. Von hier aus konnte Linde und umliegende Gehöfte versorgt werden. Auch der Bahnhof in Linde bekam wieder sein Wasser. Da die Leitungen aus Eisenrohr bestanden, rosteten diese relativ schnell wieder zu.

 

Anfang der fünfziger Jahre begann in Linde eine rege Bautätigkeit. Die Baustellen mussten alle mit Trinkwasser versorgt werden. Damit war der Verteiler vom Hochbehälter überfordert. Die Wassergenossenschaft musste neue Wege zur Lösung des Problems gehen. Es kam zur Neugestaltung mit Brunnen und Pumpstation in Mittelbreidenbach und einem neuen Hochbehälter in Frangenberg. Diese Lösung funktioniert bis heute gut.

 

Seit Anfang der 50er Jahre waren mehrere Interessenten bemüht in Linde eine neue Heimstadt zu bekommen, hatten aber nur begrenzten Erfolg. Die wenigen Baugrundstücke, die zum Verkauf standen waren schnell vergriffen. Die Landbesitzer zeigten wenig Neigung sich von ihrem Grund und Boden zu trennen.
Dadurch verlor Linde viele eingesessene Bewohner, vor allem jüngere, die hier aufgewachsen waren und die gerne in der Ortschaft gebaut hätten sich aber nun in den Nachbargemeinden niederließen.

 

Wie ein Segen erschien es uns, das der Landwirt Willi Kühn aus wirtschaftlichen Gründen seine Ländereien zu Bauzwecken zur Verfügung stellen musste. Das war das Startzeichen für die Ansiedlung Ostvertriebener, die ab 1956 erfolgte und dem Dorf einen wesentlichen Entwicklungsschub gab.